DM Têtê & Tir: Minimalziel erreicht – dritten Startplatz verteidigt.

von Heiko Plötz

Als wir, Stefan Lauche, Patrick Lehmann und ich, am Freitag gegen 19:30 Uhr in Rastatt am Boulodrom einparkten, hatten wir nach sechs Stunden Fahrt ca. 600 Kilometer hinter uns. Wir mussten teils zähfließenden Verkehr ertragen und, nachdem wir kurz vor dem Ziel direkt in das angekündigte Unwetter fuhren, einen Temperatursturz von 32°C auf 18°C hinnehmen. Mitfahrer Nummer Vier, Andreas Runck, kam eine halbe Stunde später im eigenen Mietwagen. Er wollte noch ein, zwei Tage dranhängen, um seine Familie zu besuchen, die nicht weit von Rastatt entfernt zu Hause ist.

Norman Wessbecher, der bei der DM für den LV Berlin gestartet war und aus dem nahegelegenen Ort „Muggensturm“ stammt, wo seine Eltern wohnen, hatte uns im familieneigenen Obstwiesengarten eine kostenlose Übernachtung organisiert. Er nannte es den „Bunker“, ein Metallaufbau eines Militärfahrzeuges mit sechs Schlafplätzen. Diese Nacht werden wir wohl nicht so schnell vergessen. Die Hitze der letzten Tage hatte die Blechbüchse aufgeheizt und der Regen, der die ganze Nacht ohne Unterlass fiel, trommelte auf das Metall. Hinzu kam, dass es nur ein winziges Fenster gab und die Luft für die sechs Boulisten schnell knapp wurde, denn neben den Dresdnern waren noch Lars Schirmer und Ole Hansen aus Berlin mit an Bord. Also machten wir die Tür auf, was wiederum „Stürme“ von Mücken als Einladung ansahen. Angezogen vom „Duft“ sechs transpirierender Männer und vor der Kälte und dem Regen flüchtend, fielen sie über uns her. Am nächsten Morgen erwachten drei von uns Draußen unter dem Vordach der Holzhütte und Andreas hatte sich ins Auto verkrochen. Nur Stefan und ich harrten im Bunker aus – deutlich zu sehen an unzähligen Stichen. Das Ergebnis waren weniger als drei Stunden Schlaf für jeden von uns.

Dennoch rieben wir uns optimistisch die verkorkste Nacht aus den Augen und waren voller Vorfreude pünktlich auf’m Platz. Noch vor der offiziellen Eröffnung waren die ersten Tireure am Start und Patrick, sichtlich nervös und voller Tatendrang hoffte, einer der Ersten zu sein und nicht so langen warten zu müssen. Dieser Wunsch sollte sich für ihn nicht erfüllen. Zur Eröffnung mit diversen Reden vom Veranstalter, dem Bürgermeister, dem DPV-Präsidenten und dem Hauptschiedsrichter versammelten sich (fast) alle auf der Terrasse vor der Boule-Halle. Unterbrochen wurden die gewichtigen Worte von „Fahnenschwingern“, einem Verein aus Rastatt, der mit den Boulisten vor Ort freundschaftlich verbunden ist. Bis dahin spielte auch das Wetter mit und alle konnten die Auslosung kaum noch erwarten.

Als diese dann endlich aushing, sahen unsere Poules fast identisch aus. Andreas hatte es in Poule 16 mit BaWü06, NiSa08 und Saar07 zu tun, Stefan in Poule 5 mit BaWü15, NiSa09 und Saar04 und ich musste in Poule 7 gegen BaWü03, NiSa07 und Saar05 antreten. Nun war jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt. Ich verlor die anderen ein bisschen aus den Augen und konzentrierte mich ganz auf meine Gruppe. Gegen den BaWü-Landesmeister im Tete, Jens-Christian Beck, hatte ich nicht wirklich eine Chance. Aber ich konnte dieses Spiel nutzen, um ins Turnier zu finden und auf dem Nachbarplatz meine künftigen Gegner beobachten. Runde Eins starteten wir mit drei Niederlagen. In Runde Zwei lief es schon besser. Andreas konnte gegen NiSa08 (eine der wenigen Frauen) gewinnen und auch mir gelang ein deutlicher Sieg gegen NiSa07. Meine „Beobachtungen“ und eine Regenunterbrechung kamen mir dabei erleichternd zu Hilfe. Leider war für Stefan nach dem zweiten verlorenen Spiel gegen NiSa09 schon Schluss. Er musste auf den steinigeren Plätzen spielen und kam nicht so gut mit dem Legen zurecht, wie seine Gegner. Vor der Barrage wurde der Wettkampf allerdings wetterbedingt unterbrochen, denn die dunklen Wolken, die aller halben Stunden ihre Schleusen öffneten, setzten einen Großteil der Plätze derart unter Wasser, dass sie von den Schiedsrichtern als nicht bespielbar erklärt wurden. Die Tireure waren also wieder dran und Patrick, dessen Nervosität durch die lange Wartezeit nicht kleiner wurde, war sich sicher, dass er nun endlich loslegen darf. Fehlanzeige. Sechs, sieben, acht Namen wurden aufgerufen – seiner war wieder nicht dabei.

Nach 40 Minuten Wartezeit begann die Barrage. Ich wünschte Andreas viel Erfolg und konzentrierte mich auf meinen Gegner. Ich wusste, dass er sich sehr viel Zeit nahm (so viel, dass ihn der Schiedsrichter einige Male ermahnen musste) und ließ ihn machen. Auch wenn ich die ganze Zeit immer mit ein, zwei Punkten hinten lag, hatte ich doch irgendwie die Gewissheit, dass ich dieses Spiel für mich entscheiden und den dritten Startplatz, den Frank Hellriegel letztes Jahr gewonnen hatte, verteidigen werde. Und tatsächlich: beim Stand von 9:12 gelingen mir zwei mal zwei Punkte in Folge. Der Poule ist überstanden. Yeah!

Im 32stel Finale wartete dann auf mich kein geringerer Gegner als der Titelverteidiger Abdelkader Amrane. Und, was soll ich sagen: Es fehlte mir doch deutlich an spielerischen Mitteln, um ihn in Verlegenheit zu bringen. Während ich gegen Abdelkader kämpfte und auch Stefan und Andreas ihre Spiele im B-Turnier verloren, musste Patrick zum Schießen. Schon weit im Nachmittag und ohne unsere Unterstützung, die positive Anspannung durch die lange Wartezeit völlig weg und von einem derben Scherz der Schiedsrichter zusätzlich verunsichert, schaffte er leider nur 10 Punkte und ist damit Letzter in der Vorrunde geworden. Für uns war also Feierabend.

Später Nachmittag. Wir waren aus dem Rennen und das Wetter wurde immer besser. Andreas wollte auf jeden Fall noch bleiben, sich Spiele anschauen und selbst noch ein bisschen Spaß haben. Für uns Drei stand fest, dass wir auf keinen Fall noch eine Nacht in „Muggensturm“ ertragen wollten. Uns in eine Pension einzumieten, nur um Spiele zu gucken, erschien uns nicht sehr lohnenswert. Und da Stefan von Dresden aus auch noch nach Berlin weiter fahren musste, war für uns klar, dass wir uns auf den Weg machen sollten.

Fragezeichen:

Auf dem bequemen Rücksitz von Stefans geräumiger Limousine fiel der ganze Druck von mir ab. Obwohl ich mit meiner eigenen Leistung zufrieden sein konnte, drängten sich in mir einige, teils unbequeme und provokante Fragen auf. Wenn ein behinderter Mensch wie ich mit einem gelähmten Bein bei einer Sportveranstaltung wie dieser Deutschen Meisterschaft einen Startplatz für seinen Landesverband verteidigen kann, wie viele Startplätze könnten wir gewinnen, wenn unsere Topspieler aus Halle, Jena, Leipzig etc. spielen würden? Warum ist die Beteiligung an (fast allen) Landesmeisterschaften so gering und die Bereitschaft, zu einer DM zu fahren, fast verschwindend? Sicher – Familie und Beruf sind wichtige Hindernisse, aber ist es nicht auch fehlende Motivation? „Was bringt es mir denn, an einem Wochenende 1200 km zu schrubben, nur um drei oder vier Spiele zu absolvieren“, habe ich im Vorfeld immer wieder gehört. Der PVT sollte sich ernsthaft mal fragen, was für Anreize er künftig schaffen will, um diesem Missstand zu begegnen. Schließlich werden von den DM-Fahrern ja auch Leistungen erwartet. Sie sollen den PVT würdig vertreten und nach Möglichkeit Startplätze gewinnen. Aber wie sollen sie das tun, wenn sie das Meiste aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die 35,00 €, die es seit Jahren gibt, egal wie weit die DM weg ist, reichen hinten und vorn nicht, auch hinsichtlich der Benzinpreisentwicklung. Eine vernünftige Übernachtung ist da gar nicht drin. Vielleicht ist es aber auch möglich, den sportlichen Ehrgeiz bei dem Ein oder Anderen anzustacheln, in dem man für die LM- und DM-Teilnahme deutlich mehr Ranglistenpunkte erhält, als für gewöhnliche PVT-Turniere. Es kann aber auch sein, dass ich ein wenig über das Ziel hinaus schieße und die meisten Mitglieder unseres Verbandes mit der jetzigen Situation durchaus zufrieden sind. Dann ist das halt eine Einzelmeinung und nicht weiter relevant.

Fazit:

Eine gelungene DM mit freundlichen Gastgebern, jeder Menge Abenteuer und sehr schönen, teils hochklassiger Spiele bleiben bei uns in angenehmer Erinnerung. Bis bald und lasst die Kugeln fröhlich rollen.

Heiko Plötz

3 Kommentare zu “DM Têtê & Tir: Minimalziel erreicht – dritten Startplatz verteidigt.

  1. Gut geschrieben. Informativ. Ich bin auch für eine moderate Anhebung der Zuschüsse – eventuell abhängig von der Entfernung?

  2. Erstmal Glückwünsch! Grosser tolle Dm gespielt!Supi Bericht! Und was das negative angeht (wie fahrgeld,Topspieler die nicht fahren wollen sollte doch mal nachgedacht werden)

  3. Die Fragezeichen regen in der Tat zum Nachdenken an und sind durchaus berechtigt. Im Moment ist es leider tatsächlich so, dass nur „gut betuchte“ PVT-Recken zu den DMs in Baden-Württemberg fahren und nicht die wirklich spielstärksten.